Im Interview

 

Damit kein Hund ohne Namen bleibt


 

Interview mit Stefanie Langhammer, 2. stellvertretender Vorstand von Tote Hunde e.V



Für Hundebesitzer ist es ein Albtraumszenario, wenn das geliebte Tier beim Spaziergang verschwindet oder aus dem Garten entläuft. Noch schrecklicher ist wohl nur die Ungewissheit, wenn der Hund trotz Rufen, Locken und etlichen Suchaktionen auch nach Tagen oder Wochen nicht mehr nach Hause kommt. Die meisten Halter möchten wissen, was mit ihrem Hund passiert ist, auch wenn die Nachrichten schlechte sind, weil das Tier verstorben ist. Mir zumindst würde es so gehen.
An dieser Stelle wird Tote Hunde e.V. aktiv. Der Verein wurde 2015 gegründet und besteht aus etwa 1500 freiwilligen Helfern, die sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie in angrenzenden Ländern wie Tschechien und den Niederlanden dafür einsetzen, jedem toten Hund einen Namen zu geben – sprich die Hunde zu identifizieren und ihre Besitzer zu benachrichtigen. Allein 2016 war der Verein in 856 Fälle involviert.
Wie genau der Verein arbeitet, was ihn antreibt und wie man sich selber in manchen Situationen verhalten sollte, verrät Stefanie Langhammer, 2. stellvertretender Vorstand und selbst Hunndebsesitzerin eines Labrador-Mischlings, im Interview.


Stefanie Langhammer und Labrador-Mix Rocky. 
Liebe Stefanie, erklär doch allen, die noch nichts von Tote Hunde e.V. gehört haben, was der Verein eigentlich macht und wie ein klassischer Einsatz aussieht? 
Unsere Arbeit beginnt da, wo Leben endet. Wir identifizieren tot aufgefundene Hunde. Als Beispiel: Frau Meier findet einen toten Hund. Nun wäre es schön, wenn Frau Meier sich damit an uns wendet. Dazu hat sie verschiedene Möglichkeiten: Facebook, Mail, das Kontaktformular unserer Homepage, Instagram oder Anruf. Den Postweg möchte ich nicht empfehlen - das dauert zu lange. Wir müssen nämlich fix sein. Wir müssen nun die offiziellen Stellen informieren - vor allem, wenn der Hund auf einer Straße oder den Bahngleisen liegt. Unsere Mitglieder und Helfer fahren dann zum Einsatzort. Wir haben Anleitungen, was sie dabei haben sollten. Ganz oben auf der Liste stehen Einmalhandschuhe und natürlich ein Chipreader. Zudem sollten sie Fotoapparat, Maßband, Stift und Zettel mitführen, um den Fund zu dokumentieren. Alle unserer Helfer machen dies ehrenamtlich und auf eigene Kosten.


Warum ist eure Arbeit wichtig? 
Wir tun das, damit kein Hund ohne Namen bleibt. Die Ungewissheit, die ein Besitzer hat, wenn der eigene Hund nicht wieder auftaucht, ist unerträglich. Wir möchten jeden Hund seinem Besitzer zuordnen und im besten Fall wieder zuführen können, damit der Besitzer sich verabschieden und ihn beisetzen kann. Auch ist Seuchenschutz ein wichtiges Thema. Wir müssen dafür sorgen, dass die Hunde nicht dort liegen bleiben wo sie gefunden wurden. Auch erwähnen möchte ich Verkehrsunfälle, die durch freilaufende Hunde verursacht werden. Hier ist es für die geschädigten Fahrzeughalter und deren KFZ-Versicherer wichtig, den Verursacher zu kennen, um die Schadenersatzansprüche klären zu können. 
 

Was passiert mit Hunden, die von Straßenmeistereien, der Polizei oder der Feuerwehr gefunden werden, wenn ihr nicht als Schnittstelle eingeschaltet werdet? 
Zuerst möchte ich sagen, dass wir zu einigen dieser Stellen gute Kontakte pflegen und auch von ihnen benachrichtigt werden. Wenn nicht, ist es für uns tragisch und noch mehr für den Besitzer. Die Straßenmeisterei nimmt die Hunde zur Entsorgung mit oder bestellt direkt den Entsorgungsbetrieb zur Fundstelle. Manchmal werden die Tiere auch nur an Ort und Stelle vergraben. Leider erfährt der Besitzer dann nichts über den Verbleib seines Tieres. 
 

Wie wichtig ist die Kennzeichnung mit Microchip? 
Enorm wichtig. Was in manchen Bundesländern, zum Teil auch nur bei gefährlich eingestuften Hunden und bei bestimmten Rassen, Pflicht ist, würden wir uns für alle Hunde wünschen. Bei Freigänger-Katzen wäre das generelle Chippen ebenfalls sehr hilfreich. So könnten die Tiere, natürlich auch die lebend gefundenen, viel besser und vor allem schneller und sicherer ihrem Besitzer zugeordnet werden.


Auf eurer Homepage gibt es die Rubrik Fundfälle. Die ist nichts für Zartbesaitete. Denn hier werden Bilder von toten und teilweise verwesten Hunden gezeigt. Ist das die einzige Mölichkeit Hunde ohne Chip zu identifizieren? 
Ja, denn es ist schwierig den Besitzer zu finden, wenn der Hund weder gechippt, noch tätowiert ist und auch kein Halsband trägt. Manchmal haben wir Glück und können über andere Wege, um gefühlte 25 Ecken, etwas herausfinden. Allerdings ist das sehr aufwendig und zeitintensiv und selten erfolgreich - wenn doch, ist der Hund meist schon entsorgt. Obwohl wir ein gutes Team haben, welches Vermisstenmeldungen durchschaut, ist es nicht immer mit Erfolg gekrönt. Wir können nicht alle Meldungen sehen, die in regionalen Gruppen der sozialen Netzwerke stehen. Deswegen chippen und vor allem registrieren! Registrieren kann man übrigens auch nicht gekennzeichnete Tiere in den bekannten Datenbanken, die Chipnummer kann dann später nachgemeldet werden.


Was sind das für Hunde, die ihr findet? Ist da vom geliebten Partner über den vernachlässigten Kettenhund bis zum panisch entlaufenden Angst- oder Auslandshund alles dabei? 
Ja, hier ist alles dabei. Auch werden sie nicht immer alle als vermisst gemeldet.

Jetzt zum wirklich hässlichen Teil: Wie kommen die Hunde meist zu Tode? 
Viele werden überfahren, von Autos oder von Zügen, einige ertrinken, auch wenn sie schwimmen können. Es gibt einfach Gewässer, die zum Schwimmen nicht geeignet sind. In den Wintermonaten brechen trotz vieler Warnungen immer wieder Hunde auf Eisflächen ein, welche dann im Frühjahr an einer anderen Stelle im Uferbereich gefunden werden. Andere finden wir im Wald, nicht immer können wir die Todesursache feststellen. Ein Problem sind auch illegale Beerdigungen. Diese Hunde werden oft durch Wildtiere ausgegraben und dann gefunden. Dies ist ein Problem des Seuchenschutzes und nicht ohne Grund verboten.


Ihr habt circa 800 bis 1000 Einsätze im Jahr. Bei wie vielen kommt es zu einer Identifizierung des Tieres? 
Bei der letzten Auswertung waren wir bei einer Aufklärungsrate von 43%. Das klingt nicht sonderlich viel, aber wenn man an die illegalen Beerdigungen und die nicht gekennzeichneten Hunde denkt und daran, dass es oft nur zur Entsorgung tot aufgefundener Tiere kommt, da aufgrund des Verwesungsgrades keinerlei Identifikation mehr möglich ist, können wir diese Quote schon als Erfolg ansehen. Erfolg in dem Sinne, dass wir den Besitzern Gewissheit geben können und ihnen eine aussichtslose und langwierige Suche erspart bleibt.


Wie reagieren die Halter, wenn sie von euch benachrichtigt werden? 
Sie sind natürlich am Boden zerstört. Manchmal auch verwundert, dass wir anrufen. Dann war es aber wahrscheinlich eine der illegalen Beerdigungen. Schade, dass es dann so endet, denn wir müssen das Tier entsorgen lassen. Seuchenschutz geht immer vor. Bei den anderen Fällen ist unser Anruf keine schöne Sache. Hier müssen wir mit viel Einfühlungsvermögen vorgehen. Aber wir können diese Besitzer verstehen und nachvollziehen, dass sie trauern. Ich habe selbst schon an einem Tag mehrfach mit einer Besitzerin telefoniert und geschrieben. Das ist dann schon eine Art der Trauerbegleitung.


Kümmert ihr euch nur um Hunde oder auch andere Haustiere? 
Wir kümmern uns im Verein nur um Hunde. Aber ich kann auch an Katzen einen Chip auslesen. Es gibt eine Gruppe bei facebook - ich möchte fast Schwesterngruppe sagen - die kümmern sich um tot aufgefundene Katzen. Natürlich ist die Vernetzung untereinander eng und man informiert und hilft sich gegenseitig. Einige von uns sind in beiden Organisationen engagiert.


Natürlich hoffe ich, dass mir das niemals passiert. Trotzdem die Frage: Wie soll ich mich verhalten, wenn ich einen toten Hund finde? 
Nicht anfassen ohne entsprechende Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel Handschuhe. Wir benötigen genaue Angaben zum Fundort, wenn erkennbar auch das Geschlecht und Bilder. Aber: Niemals das eigene Leben in Gefahr bringen! Kein Betreten von Straßen, Autobahnen oder Gleisanlagen. In einem solchen Fall reicht uns die Meldung mit dem Sichtungsort. Wir kümmern uns in jedem Fall um alles Weitere. Auch wenn man beispielsweise denkt, das könnte eben ein Hund an der Autobahn gewesen sein - kurze Info an uns. Lieber einmal mehr geschaut als einmal zu wenig. Denn auch gemeldete Wildtiere, entpuppten sich manchmal anschließend doch als überfahrener Hund.


Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Ist es nicht sehr belastend für dich live und in Bildern ständig tote Hunde zu sehen, die oft eine traurige Geschichte erzählen? Wie gehen du oder auch deine Kollegen damit um? 
Als Tierarzthelferin habe ich sieben Jahre in der Praxis damit zu tun gehabt. Klar lässt mich das trotzdem nicht kalt und es beschäftigt mich. Wir haben durchaus auch Fälle, bei denen wir mit dem Mitglied, welches vor Ort war, anschließend viel reden, weil es sie nicht in Ruhe lässt. Gerade wenn neue Helfer vor Ort sind, sind die „alten Hasen“ danach gerne Ansprechpartner. Auch während eines Einsatzes unterstützen wir gern – jeder hat mal angefangen und seinen ersten Fall vergisst man nie. Manche unserer Helfer möchten auch gar nicht raus fahren, diese betreiben dann für uns die Recherche. Jeder so wie er kann.


Vielen Dank für das Interview, liebe Stefanie.






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