Aufreger der Woche

Kommentar/Medienkritik

 

Leint eure verdammten Redakteure an und haltet sie von mir fern

 

Was habe ich mich kürzlich über einen Artikel auf Focus online geärgert. Worum es in dem Text geht? Nun, im Prinzip reicht die Überschrift aus, um den gesamten Inhalt des Textes zusammenzufassen. Sie lautet: "Euer Köter will nicht nur spielen! Leint eure verdammten Hunde an und haltet sie von mir fern". Dennoch will ich kurz aus meiner Sicht beschreiben, worum es geht. In dem Text werden Hundehalter als pauschal gewissen- und rücksichtslos dargestellt, als Personen, die ihre Hunde weder artgerecht halten, beschäftigen oder einschätzen und bändigen können. Die Scheiße werde bei Dämmerung und Nacht ebenfalls liegen gelassen. Ach, ja, und außerdem stinken und röcheln bestimmte Hunde offenbar so bestialisch, dass man "beim bloßen Hören schon das Weite sucht".


Die Autorin hat hier einen hässlichen Wuttext zum Besten gegeben, der mich, wie gesagt  zunächst ärgerte. Doch dann wurde ich ein wenig traurig. Denn ich dachte daran, was für ein Armutszeugnis diese Geschichte für den Journalismus doch ist.

Bildauswahl und Überschrift

Ohne den Text gelesen zu haben fallen bereits zwei Dinge auf: Bildauswahl und Überschrift. Bei der Bebilderung griff Focus online ganz tief in die Klischeekiste und illustrierte den Artikel mit dem Bild eines Staffordshire Bullterriers, der in den meisten Bundesländern auf der Rasseliste steht und von Laien gemeinhin als Kampfhund begriffen wird. Der Hund zeigt mit bedrohlich geöffnetem Fang seinen Rachen und Zähne. Das Symbolbild eines Hundes, der gerade einen Passanten anspringt, auf den Gehweg kackt oder mit der Flexileine den Gehweg vereinnamt, hätte es wohl auch getan. Doch vermutlich war das der Bildredaktion zu unspektakulär. Auch in der in der Befehlsform verfassten Überschrift wurde auf plakative Ausdrücke gesetzt, die Aufmerksamkeit generieren sollen. Hier arbeitet die Redakteurin bereits mit zwei Kraftausdrücken: "Köter" und "verdammt". Im weiteren Text geht es ähnlich reisserisch weiter: "hasse", nochmal "Köter", statt Hundebiss heißt es "Beiss-Attacken", Kinder würden attackiert, "stinkender Hund".

Keine klar erkennbare journalistische Darstellungsform

Neben diesen verbalen Entgleisungen muss ich auch darüber meckern, dass der Artikel nirgendwo als Kommentar gekennzeichnet ist. Oder sollte es sich doch um eine Glosse handeln? Eher nicht. Denn mir fehlt dabei der komische Aspekt komplett. Für den Kommentar als journalistischen Beitrag sollte es jedenfalls ein Muss sein, ihn als solchen auszuweisen. Denn die klare Trennung von Meinung und Information soll beim Leser für Transparenz sorgen. Nur so kann er das Gelesene gut einordnen. Auch ein Autorenhinweis fehlt dem Text. Der ist wichtig, weil er zum einen zeigt, dass der Autor hinter seinem Beitrag steht und zum anderen, weil der Leser so mittels Kommentarfunktion in direkten Kontakt zum Autor treten kann, was gerade im Internetzeitalter und der interativen Kommunikation immer wichtiger wird. Zwar wird hier ganz am Ende, noch unter einem Werbeblock, das Kürzel "hej" angeführt. Doch der vollständige Name, wie man ihn bei Kommentaren nennt, ist nirgendwo zu finden.

Die Argumentationsweise

Mein nächstes Meckern gilt der Argumentationsweise. So schreibt die Autorin: "In Deutschland gibt es mehr Hunde. 7,9 Millionen von ihnen leben 2015 in deutschen Haushalten, im Jahr 2000 waren es noch fünf Millionen. Mit dieser Zahl steigt auch die der Beiß-Attacken." Ist auch logisch. Habe ich beispielsweise 20 Filzstife in meinem Federmäppchen und 5 davon schreiben nicht mehr, steigt die Wahrscheinlichkeit dass mehr davon defekt sind prozentual dazu, wenn ich 40 Filzstiffte in meinem Mäppchen habe. Das nennt sich Statistik und hat nichts mit der Aggressivität... äh, Tauglichkeit von Filzstiften zu tun. Diese mathematischen Gesetze werden auch nicht dadurch verändert, dass man anführt, wie viele Kinder in  Dresden von Hunden attackiert wurden.

Nicht alles ist schlecht

Ich möchte den Beitrag übrigens nicht per se verreissen. Denn schließlich darf man in Deutschland seine Meinnung frei äußern, solange man nicht gegen geltende Gesetze verstößt. Aber auf solch einer medialen Pattform hat diese Mischung aus Kommentar, Glosse und Tagebucheintrag aus den genannten Gründen absolut nichts verloren, auf einem persönlichen Blog oder in illustrer Runde mit Freunden und Bekannten - von mir aus gern. Zu Gute halten muss man der Autorin, die sich selbst nicht als Tierfeind sieht, auch, dass sie auf die Pros eingeht. So schreibt sie, dass Hunde treue Begleiter seien und als Therapie- und Polizeihunde eingesetzt werden - in einem einzigen Satz.

Mir stellt sich jedenfalls die Frage: Soll das seriöser Journalismus sein? Denn den erwarte ich eigentlich von einem großen deutschen Medium wie Focus online, das eigenen Angaben zufolge für hervorragenden Nachrichtenjournalismus steht* und monatlich über 60 Millionen Seitenbesucher** hat. Dabei ist es gerade in der heutigen Zeit, in der das Unwort "Lügenpresse" in den allgemeinen Sprachgebrauch überzugehen scheint, wichtig, dass sich Journalisten durch eine qualitativ hochwertige Berichterstattung - auch im Kommentar - auszeichnen.

P.S.: Wer sich über meinungsbetonte, journalistische Darstellungsformen informieren möchte, kann sich hier ein wenig einlesen: http://www.fachjournalist.de/PDF-Dateien/2012/04/FJ_2_2002-Journalistisches-Schreiben-2_Meinungsbetonte-Darstellungsformen.pdf


Kommentare

  1. Oh man, da fällt einem doch nichts mehr zu ein...
    Unter dem Beitrag sind aber auch einige Kommentare von Hundehaltern, die ebenso entsetzt sind.
    Ganz im Ernst: einen solchen Beitrag hätte ich bei Focus Online nicht erwartet...

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  2. Ohje, aber nun. Idioten gibt es immer. Und dank des Internets haben sie eine Plattform zum nörgeln.

    Liebste Grüße
    Dani mit Inuki und Skadi

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